Loslassen können
Oprah Winfrey
Letzte Woche habe ich meinen Beitrag mit der Feststellung beendet, dass wir unsere Kinder loslassen müssen in dem Vertrauen darauf, dass Wurzeln und Flügel stark genug sind.
Dieser Gedanke findet sich auch in dem Zitat von Oprah Winfrey. Sie sieht Loslassen als Akt des Vertrauens, der den Glauben voraussetzt, dass uns das Leben an den richtigen Ort führen wird.
In Bezug auf unsere Kinder möchte ich ihn noch erweitern. Wir vertrauen auch darauf, dass das Leben unsere Kinder genau dorthin führt, wo sie sein sollen.
Was ist mit Loslassen gemeint?
Loslassen ist kein einmaliger Akt, sondern ein Prozess der sich über längere Zeit vollzieht. Ich beginne, immer mehr die Kontrolle zu reduzieren, passe meine Erwartungen an und übernehme nur noch dort die Verantwortung, wo ich Einfluss habe. Loslassen bedeutet nicht, dass ich mich nicht kümmere und gleichgültig werde. Es ist kein Akt des Aufgebens und der Resignation, sondern ein Akt der Liebe. Ich vertraue dem Leben und schalte um vom „Ich muss es bestimmen“ zum „Ich begleite und halte aus.“
Manchmal fällt uns das schwer und wir hadern damit. Wir haben bestimmte Erwartungen und Vorstellungen davon, wie etwas sein sollte. Trifft das dann nicht zu, führt es zu Gedanken und Gefühlen der Frustration oder Enttäuschung. Auch die Sorge um das Wohlergehen unserer Kinder bewirkt, dass wir festhalten und versuchen zu kontrollieren, was gar nicht mehr unsere Verantwortung ist. Dann können Schuldgefühle entstehen und der Gedanke, ob wir etwas hätten verhindern können.
Das hilft beim Loslassen:
Bemerken wir solch eine Situation hilft es, uns zu reflektieren und uns selbst Fragen zu stellen:
„In welchen Situationen fällt es mir schwer loszulassen?“,
„Welche Gedanken und Erwartungen halten mich besonders fest?“
„Wie sehr projiziere ich meine eigenen Wünsche und Erfahrungen auf mein Kind?“
„Was brauche ich, um gut loslassen zu können?“
Hilfreich können dann Rituale sein, die das Loslassen unterstützen. Dazu gehört das Briefeschreiben und diese zu verbrennen, Steine als Symbole der Last abzulegen oder eine Kerze anzuzünden als Zeichen des Loslassen. Beispielsweise kann man auch einen Satz, den man loslassen möchte, aufschreiben und ihn symbolisch ablegen oder verbrennen.
Auch die Einsicht, dass uns unsere Kinder nichts schuldig sind, kann dabei helfen, sie loslassen zu können.
Daneben sind Übungen, die sich auf den Atem und die Körperwahrnehmung beziehen hilfreich, um das Loslassen auch auf der Körperebene zu praktizieren.
Glauben, dass das Leben uns führt
Mit dem Glauben daran, dass uns unser Leben dorthin führt, wo wir sein sollen, schaffen wir den Perspektivwechsel von Kontrolle zu Vertrauen. Das Leben enthält Umwege, Wendepunkte und Neuanfänge. Doch auch wenn eine Wendung zuerst wie ein Fehler wirkt, kann sich ihr Sinn uns später noch erschließen. Außerdem bedeutet ein Umweg auch nicht zwingend, dass wir falsch gelegen haben. Oft ist es einfach ein Schritt in eine neue Richtung. Indem wir darauf vertrauen, dass wir lernen und wachsen können, gelangen wir zu mehr Klarheit, Reife, neuen Möglichkeiten und besseren Entscheidungen. Wir lassen die Kontrolle los, das Bedürfnis alles vorherzusagen oder zu erzwingen. Wir tun unseren Teil, das was in unseren Möglichkeiten liegt, und überlassen den Rest dem Prozess.
Zu einem neuen Rollenverständnis im Leben der Kinder finden
Wenn unsere Kinder ihre Flügel ausbreiten und in ihr Leben starten, ändert sich unsere Rolle vom Leiter zum Begleiter. Wir müssen eine neue Form der Nähe finden, in der wir den Kontakt halten ohne steuern zu wollen. Grenzen müssen neu definiert werden, vieles, das wir früher bestimmt haben, ist nicht mehr unsere Entscheidung. Unsere Rolle besteht nun aus Zuhören, Ermutigen, Fragen stellen, Trösten und dem Spüren lassen, dass es immer einen sicheren Hafen gibt. Entscheidend ist am Ende die Qualität der zwischenmenschlichen Beziehung.
Zukunft
Mit dem Bewusstsein, dass Loslassen eine Form von Liebe ist und dem Vertrauen, dass das Leben oft genau die Entwicklung bringt, die gebraucht wird, schaue ich nun recht entspannt auf die nächsten Jahre. Denn bei beiden Kinder steht die Frage an: „Was mache ich nach der Schule?“.
Ich kenne meine Rolle und falls ich doch mal mit ihr hadern sollte, nutze ich die Übungen, die mir beim Loslassen helfen.