Die Kunst, die eigenen Entscheidungen zu treffen
Michelle Obama
Du musst das jetzt aber so machen!
Wie oft habe ich diesen Satz gehört. Schon als Kind wurde mir oft erzählt, wie es richtig ist und was gut für mich ist. Und so würde es auch weitergehen, jetzt wo ich erwachsen bin – wenn ich mir das gefallen lassen würde. Als Kind habe ich dann oft einfach das Gegenteil gemacht, nur aus Prinzip. Das ist natürlich keine so gute Lösungsstrategie. Heute tue ich das, was ich für richtig halte, was meinen Werten entspricht und für mich Sinn ergibt. Auch wenn das nicht immer leicht ist.
Es gibt so einige Menschen, die den Kopf schütteln und meine Entscheidung, mein Leben zu verändern und meine Beamtenstelle zu verlassen, nicht verstehen können. Da diese Menschen aber nicht in meiner Haut stecken, können sie auch nicht wissen, was richtig für mich ist.
Was ist das Richtige?
Überhaupt finde ich es unheimlich schwer zu beurteilen, was das Richtige für andere Menschen ist. Ich bin der festen Überzeugung, dass die Lösung in einem selbst liegt und jeder ganz alleine herausfinden muss, was richtig für einen ist. Natürlich ist es wertvoll, sich verschiedene Perspektiven anzuhören, Rat zu holen von Menschen, die einen kennen oder die Experten sind und dann selbst zu entscheiden. Meine jetzige Aufgabe sehe ich darin, Menschen auf dem Weg zu solchen Entscheidungen zu begleiten, Impulse zu geben, Fragen zu stellen, Perspektiven zu öffnen und niemals zu urteilen oder zu bewerten.
Warum es schwierig ist andere Meinungen auszuhalten
Diese Entscheidung dann aber gegen die Meinung von jemand anderes zu treffen, besonders wenn diese Person uns wichtig ist, ist nicht ohne. Denn Zustimmung freut uns und tut uns gut. Das sogenannte Belohnungssystem im Gehirn springt an, Dopamin wird freigesetzt, ein gutes Gefühl stellt sich ein und damit wird diese Meinung bestärkt. Entscheiden wir uns jedoch dagegen, gehen wir das Risiko eines negativen Feedbacks ein. Wir haben alle eine gewisse Angst vor Ablehnung. Dies ist ein tief sitzendes psychologisches und evolutionäres Phänomen. Diese Angst hat ihre Wurzeln im biologischen Überlebensinstinkt und in frühen zwischenmenschlichen Erfahrungen. Neurowissenschaftliche Studien zeigen, dass Ablehnung im Gehirn dieselben Schmerzregionen aktiviert wie eine körperliche Verletzung. Das ist nicht für jeden ein Problem, da durch unterschiedliche Erfahrungen in der Kindheit, der Selbstwert auch verschieden ausgeprägt ist.
Der Selbstwert spielt eine wichtige Rolle
Es gibt also Menschen, denen fällt es nicht schwer, eigene Entscheidungen zu treffen. Deren Selbstwert ist unter anderem durch Geborgenheit, die Förderung von Selbstwirksamkeit und wertschätzende Kommunikation in der Kindheit stark. Hier gibt es viele kleine Bausteine, die zusammenwirken.
Das ein guter Selbstwert nicht allen gegeben ist, stellte schon Marc Aurel im 2. Jahrhundert fest: „Ich bin immer wieder überrascht, wir sehr wir uns selbst lieben, aber viel mehr Wert auf die Meinungen anderer statt auf unsere eigenen legen … Wie viel mehr Glauben schenken wir Meinungen, die andere über uns haben, und wie wenig unseren eigenen!“
Mir geht es auch immer wieder so. Obwohl ich mich nach meinem eigenen Kompass richte und das tue, was ich für richtig halte, merke ich, wie sich plötzlich die Meinungen anderer in mein Denken schleichen, wie ich lieber anderen negativen Stimmen glaube. Dann fühle ich mich schlecht.
Wege zur eigenen Entscheidung
Was mir dann hilft ist zunächst einmal Achtsamkeit.
„Achtsamkeit ist nichts anderes als Aufmerksamkeit. Eine Haltung des Gewahrseins voller Respekt und frei von Wertungen.“ Jack Kornfield
Das bedeutet, ich muss aufmerksam sein und erkennen, dass dies nicht meine eigenen Gedanken sind. Ich akzeptiere diese Gedanken, spüre was sie mit mir machen und bin mir bewusst, dass ich nicht meine Gedanken bin. Ich trainiere regelrecht, meine Gedanken auf ihren Wahrheitsgehalt zu hinterfragen und denke dann darüber nach, ob ich das Richtige tue.
Weiter hilfreich ist ein angemessener Umgang mit Kritik. Ich sortiere Kritik für mich in hilfreich, neutral oder destruktiv. Das Hilfreiche übernehme ich sofort in meine Überlegungen, Neutrales speichere ich für später und Destruktives ignoriere ich oder reagiere kurz mit „Danke für dein Feedback – das nehme ich mit.“
Meistens baue ich mir einen zeitlichen Puffer ein. Ich reagiere nicht sofort, sondern mache einen kurzen Spaziergang, beziehungsweise ich warte mindestens 24 Stunden, bevor ich etwas ändere. Bei einer ganz emotionalen Reaktion schreibe ich auch schon mal eine erste Antwort auf, die ich aber nicht abschicke, sondern später wieder lösche. Sie dient nur dazu, meine Emotionen ohne unerwünschte Konsequenzen zu entlassen.
Manchmal, bei unklarer Kritik, bitte ich auch um eine Konkretisierung: „Kannst du ein Beispiel nennen?“.
Mit der Entscheidung leben
Nach schwierigen Entscheidungen ist häufig Selbstfürsorge notwendig. Da kann das Tagebuch schreiben hilfreich sein, Kontakt mit dem eigenen Support-Netzwerk oder einfach mal die kleinen Erfolge zu feiern!
Und sollte sich die Entscheidung dann doch mal als nicht so gut erweisen, kann sie immer noch ein Lernanlass sein. Nach dem Prinzip „Wenn etwas nicht funktioniert, tue etwas anderes“, fange ich einfach wieder von vorne an.